Machen uns die neuen Medien glücklich, dumm oder depressiv? Und wie hält der Musikunterricht in der modernen Gesellschaft mit?

Stehe ich am Morgen am Perron, starren alle auf ihr Smartphone, kommunizieren ununterbrochen. Alle Welt twittert, streamt, snappt, postet und likt. Nur miteinander redet niemand.

Kein anderes Medium hat so schnell und so tiefgreifend wie das Smartphone unsere Form der Kommunikation und damit unsere Gesellschaft verändert. Die auf den Display komprimierte Parallelwelt scheint manchmal wichtiger als die analoge Wirklichkeit. Kinder und Jugendliche kennen nichts anderes als die digitale Dauerpräsenz. Dass dies ihre Entwicklung beeinflusst, ist wohl unbestritten. Die wissenschaftlichen Meinungen über die Folgen davon reichen von Alarm bis Gelassenheit. Ich selbst stelle fest, dass die Gesellschaft vieles, was nicht gut läuft, dem Internet anlastet. Dieses Urteil wird regelmässig mit neuen Studien befeuert.

Mittlerweile besitzen 95 Prozent der Jugendlichen ein Smartphone. Sie vergewissern sich durchschnittlich alle sieben Minuten, ob eine neue Botschaft eingetroffen ist. Jeder Blick aufs Display verspricht einen neuen Schub an Gefühlen: Unser Körper produziert Glückshormone, wenn wir erfreuliche Nachrichten, Likes oder Retweets erhalten, oder Stress bei Negativbotschaften. Alle paar Minuten gehorchen wir der eisernen Gewohnheit und greifen nach dem kleinen Begleiter. Darunter leiden vor allem die Konzentration und die Produktivität. Durchschnittlich, je nach Statistik, verbringen wir auf diese Weise drei bis fünf Stunden täglich mit den sozialen Medien. Die Nutzungszeiten für Computerspiele und den weiteren Internetkonsum kommen noch hinzu. Auch ein neues Krankheitsbild ist entstanden: Die Nomophobie bezeichnet die Angst davor, ohne Handy zu sein. An ihr leiden laut einer Pisa-Studie 41 Prozent jener Menschen, die online aufgewachsen sind.

Was bedeutet das für den Musikunterricht?
Nichts hasst der moderne Mensch offenbar mehr als eine Zeit nichts zu tun, sich der Musse hinzugeben, der «Langsamkeit» zu frönen. Dies ist aber ein wichtiger Bestandteil in der Auseinandersetzung mit Musik. Der Wegfall dieser Kulturform muss zudem langfristig Auswirkungen haben auf unsere Psyche.

Es ist sicher notwendig und für die moderne Entwicklung nicht wegzudenken, dass Kinder sehr früh mit technischen, stark intellektuell geprägten Tätigkeiten konfrontiert werden. Zu Feder und Tinte werden wir von unserer technisierten, rationalisierten Welt wohl nie wieder zurückkehren. Deshalb befürworte ich durchaus die frühe Auseinandersetzung und Beschäftigung der Kinder und Jugendlichen mit den neuen Medien und der virtuellen Welt. Auch im Musikunterricht! Sie brauchen dafür aber einen Ausgleich. Deshalb ist es mindestens ebenso wichtig, dass ihnen angemessene Musse und Zeit zum «Nichtstun» zur Verfügung steht. Dies vor allem, damit sie auch in der heutigen Welt ihre intrinsischen Werte und eine unabhängige Gefühlswelt entwickeln können.

Hier liegt der Wert des Musikunterrichts: Durch gemeinsames Musizieren werden Sozialkompetenzen in hohem Masse eingeübt und ausgebildet. Gerade junge Menschen eignen sich durch das Musizieren im Verband Kompetenzen an, die in der Wirtschaft immer gesuchter und begehrter sind. Ob Mozart, Lo & Leduc oder «s’Vreneli vom Guggisberg», spielt keine Rolle. Hauptsache, die Töne bringen etwas ins Schwingen, was mit Worten nicht zu sagen ist: eine Ahnung von Lust und Leid, das Erleben vom Reichtum der Emotionen und die Freude an der Intensität der Empfindungen.

Niemand weiss, welche Art von Wissen in 10 oder 15 Jahren nötig ist. Deshalb dürfen wir die jungen Menschen nicht ausschliesslich auf aktuell akute Bedürfnisse trimmen. Unsere temporeiche Gesellschaft braucht inspirierte, kreative und fantasievolle Köpfe. Die Schlüsselqualifikation der Zukunft ist deshalb die intrinsische Sicherheit der oder des Einzelnen, gepaart mit einem Höchstmass an eigenverantwortlichem und schöpferischem Tun. Der Musikunterricht fördert diese Fähigkeiten im jungen Alter auf unterschiedlichste Arten und bietet damit auch im digitalen Zeitalter viel Potenzial zum Lernen dessen, worauf es auch in der Zukunft wirklich ankommt. Ob diese Kompetenzen in einem digitalen oder analogen Musikzimmer erlernt werden, ist schliesslich egal.

Hector Herzig, HERZKA Organisationsberatung
www.herzka.ch